Prof. Dr. phil. Gerhard Deimling, Bergische Universität - Gesamthochschule Wuppertal, Fachbereich 1: Gesellschaftswissenschaften, Lehrstuhl für Soziologie und Sozialpädagogik.
Erbetene Zitierweise: Gerhard Deimling: Männer und Frauen im Senium in demographischer und sozio-ökonomischer Perspektive. In: Gerhard Deimling (Hrsg.), Alter und Geschlecht im Blickpunkt gerontologischer Forschung,
Wuppertal 1997, S. 9 - 14.
Copyright: Holger Deimling Verlag


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Männer und Frauen im Senium in
demographischer und
sozio-ökonomischer Perspektive.

 

Gerhard Deimling

 

 

Im Mittelpunkt unserer heutigen Vortragsreihe stehen folgende Fragen: Welche Faktoren bedingen vermutlich die sozialen, psychischen und physischen Alternsprozesse von Männern und Frauen? Bedeutet das Alter für Frauen - in subjektiver und objektiver Perspektive - etwas anderes als für Männer? Welche Entwicklungen sind in Deutschland und in den Mitgliedsländern der Europäischen Union bezüglich des Alterungsprozesses der Bevölkerung zu erwarten? Ich werde mich in meiner zwanzigminütigen Redezeit mit einer kurzen Darstellung demographischer und sozialökonomischer Fakten sowie mit einigen Hinweisen auf bestehende Forschungslücken begnügen.

I. Demographischer Befund

Ca. 21 % der deutschen Bevölkerung sind älter als 60 Jahre, und ca. 22 % sind jünger als 21 Jahre. Die solchermaßen durch Überalterung gekennzeichnete Bevölkerungsstruktur der Gegenwart ist das auf unabsehbare Zeit irreversible Ergebnis eines demographischen Entwicklungsprozesses, zu dem in diesem Jahrhundert nicht nur zwei Weltkriege und wirtschaftliche Katastrophen beigetragen haben, sondern ebenso der Wandel von Lebensstilen und Lebensformen. Hoffte man vor hundert Jahren, die Geburtenrate senken und so die Versorgung einer geringeren Bevölkerungsmenge mit dem Lebensnotwendigsten verbessern zu können, so wurde dieses Ziel inzwischen nicht nur erreicht, sondern weit übertroffen. Deutschland und andere westeuropäische Industrieländer befinden sich seit etwa drei Jahrzehnten in einer demographischen Strukturkrise, die paradoxerweise nicht durch Krieg und materielle Not, sondern eher durch Wohlstand entstanden zu sein scheint.


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Der Wandel der Bevölkerungsstruktur vollzog sich im Verlaufe eines Jahrhunderts in vier Phasen:

1. Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts galt es als erstrebenswert, sowohl die Sterblichkeits- als auch die Geburtenrate zu senken: beide befanden sich auf hohem Niveau; die Zahl der Geburten glich gerade die hohe Sterblichkeit aus. Die Lebenserwartung lag 1871/80 zum Zeitpunkt der Geburt bei 35,6 Jahren bei den Männern und 38,5 Jahren bei den Frauen. Sie stieg bis zur Gegenwart auf 73,5 Jahren bei den Männern und auf 79,8 Jahren bei den Frauen an.

2. Durch Fortschritte in Medizin, Pharmakologie und Hygiene sowie durch die Verbesserung der materiellen Lebensumstände nahm die Sterblichkeit in allen Altersgruppen ab, die Zahl der Geburten blieb zunächst noch hoch.

3. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sank die Sterblichkeit weiter, aber auch die Zahl der Geburten nahm aufgrund eines geänderten generativen Verhaltens ab.

4. Die Sterblichkeit nähert sich gegenwärtig ihrem tiefsten Punkt: die Lebenserwartung Neugeborener wird schätzungsweise bis zum Jahre 2000 noch um 1,5 Jahre zunehmen, danach aber vermutlich konstant bleiben. Die Geburtenzahl verharrt weiterhin auf niedrigem Niveau. Seit 1973 ersetzen die Geborenen nur noch zwei Drittel ihrer Elterngeneration.

Deutschland geht in der demographischen Entwicklung allen EU-Ländern voran: die deutsche Bevölkerung vollzieht die für Westeuropa erkennbaren Trends früher, intensiver und schärfer. Die demographische Alterung schreitet ebenso unaufhaltsam fort wie der Jugendschwund zunimmt. Die Altersjahrgänge der 75- bis über 100jährigen sind die einzigen Altersgruppen, die in modernen westlichen Bevölkerungen noch wachsen. Von 1970 bis 1993 hat sich in Deutschland die Zahl der über 75jährigen verdoppelt. Waren es vor Beginn des 2. Weltkriegs nur 20 Menschen, die ihren 100. Geburtstag erlebten, werden es in drei Jahren 13.000 bis 15.000 sein. Dieser Trend zeigt sich auch in allen übrigen westlichen Industrieländern.

Die Jugendjahrgänge werden auf der Basis schmaler gewordener Mütterjahrgänge weiter abnehmen. Die Zahl der unter 20jährigen wird bis 2030 von 17,4 Mio auf 12,3 Mio zurückgehen. Die Zahl der im Rentenalter lebenden Personen wird sich dagegen von 16,5 Mio auf 25,5 Mio erhöhen, so daß deren Anteil an der Gesamtbevölkerung 34,6 % betragen wird. Schon in 13 Jahren werden 100 Erwerbspersonen annähernd 80 Leistungsempfänger gegenüberstehen. Im Jahr 2030 werden 100 Personen den Lebensunterhalt für 100 junge und alte Menschen erwirtschaften müssen, wobei die Proportion der Jungen zu den Alten 1 : 2 betragen wird.

Betrachten wir im folgenden die demographische Entwicklung unter dem Gesichtspunkt des Anteils der Frauen und Männer an der Gesamtbevölkerung. Probleme geschlechtsspezifischen Alterns standen in der Vergangenheit nur selten im Mittelpunkt gerontologischer Forschung. Zwar wurde gelegentlich auf Besonderheiten des weiblichen und männlichen Seniums hingewiesen, jedoch


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unterblieb in der Regel ein systematischer Vergleich der beiden Geschlechter. Die meisten neueren Publikationen konzentrieren sich unter dem Schlagwort Feminisisierung des Alters auf die materiellen Lebenslagen älterer Frauen und ihre Benachteiligungen. Das geflügelte Wort "Armut und Alter sind weiblich" ist beinahe zum alten- und sozialpolitischen Gemeinplatz geworden.

Zunächst ist festzustellen, daß der Frauenanteil aller Altersgruppen an der Gesamtbevölkerung der Bundesrepublik im Jahre 1993 51,3 % beträgt. Er liegt damit knapp über dem Mittelwert der Bevölkerungen in den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union von 51,1 %. Betrachten wir dagegen die Gesamtpopulation der unter 60jährigen im Jahr 1993 in Deutschland, erkennen wir ein reziprokes Verhältnis von 51,2 % zu 48,8 %, was einem Überschuß von rd. 1,6 Mio Männern unter 60 Jahren entspricht. Auch in den übrigen EU-Ländern gibt es einen Männerüberschuß in dieser Altersgruppe. In der Altersgruppe der über 60jährigen gibt es dagegen rund 3.9 Mio Männer weniger als Frauen. 61,7 % der über 60 Jahre alten deutschen Bevölkerung sind Frauen, 38,3 % Männer. Zwischen 1970 und 1993 stieg die Zahl der über 75jährigen Frauen um rd. 2 Mio an, während die der Männer nur um 600.000 zunahm. Das Männerdefizit vergrößert sich mit zunehmendem Alter. Es läßt sich nur z. T. mit der hohen Zahl der kriegsgefallenen Männer des Zweiten Weltkriegs erklären. Auch in den Ländern, die vom Krieg weniger oder gar nicht in Mitleidenschaft gezogen wurden, ist ein höherer Frauen- als Männeranteil unter den über 60-jährigen zu beobachten. In allen 15 EU-Staaten sind Frauen über 60 Jahren deutlich überrepräsentiert. Es scheint, daß die Überlebenschancen der Männer und Frauen ungleich verteilt sind.

Die Differenz der absoluten und relativen Anteile von Männern und Frauen in den Altersgruppen über 65 Jahren variiert in Europa z. T. sehr stark. In Deutschland beträgt der Abstand 8,5 %, in Irland 3,3 %. Irland ist das demographisch jüngste Land der Europäischen Union, gefolgt von Frankreich, Großbritannien, Finnland und Portugal. Der Anteil der Männer über 65 Jahren ist im Verhältnis zu dem der Frauen in keinem EU-Land so gering wie in Deutschland. Den höchsten Anteil von Frauen über 65 Jahren weist Schweden mit 20,0 % auf. In allen Mitgliedsländern der EU hat die Lebenserwartung für Männer und Frauen zugenommen, allerdings war sie für Männer geringer als für Frauen.

II. Erwerbsbeteiligung und Lebenslagen älterer Männer und Frauen

In Bezug auf die Erwerbsbeteiligung von Männern und Frauen, die maßgeblichen Einfluß auf die Höhe der Versichertenrenten und der Alterseinkommen hat, ergibt sich folgendes Bild: 1995 betrug in Deutschland die Erwerbsquote der Männer im Alter zwischen 15 und 65 Jahren 81,0 %, die der Frauen 62,6 %. In der EU schwankte 1992 die Frauenerwerbsquote dieser Altersgruppe zwischen 42,0 % in Spanien und 79,0 % in Dänemark. Neuere Statistiken lassen erwarten, daß diese Quote in allen westeuropäischen Industrieländern in Zukunft steigen wird. Der tatsächliche Anteil der erwerbstätigen Personen an der Gesamtbevölkerung ist jedoch unter Berücksichtigung der Arbeitslosen niedriger. 1994 gab es in Deutschland 40.236 Mio Erwerbspersonen, davon waren 42,7 % Frauen. Von den registrierten Erwerbslosen waren 50,7 % Frauen.


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Die Erwerbsquoten von Männern und Frauen zwischen dem 55. und 65. Lebensjahr sind rückläufig. Insgesamt beträgt die Erwerbsquote im vereinten Deutschland 75,8 für Männer und 49,7 für Frauen zwischen 55 und 60 Jahren. In der Altersgruppe der 60-65jährigen Männer geht 1995 die Erwerbsquote auf 29,5 und die der Frauen auf 10,9 zurück.

Frauen hatten in der Vergangenheit andere Erwerbsbiographien als Männer, die Dauer ihrer Erwerbstätigkeit war insgesamt kürzer als die der Männer. Im Ost-West-Vergleich zeigt sich, daß sowohl die Männer als auch die Frauen in den neuen Bundesländern eine längere Lebensarbeitszeit aufweisen als Männer und Frauen in den alten Bundesländern: im Westen beträgt die durchschnittliche Zahl der Versicherungsjahre 39,3 bei den Männern und 25,0 bei den Frauen, im Osten bei den Männern 46,6 und 32,3 bei den Frauen. Die Bezugsdauer von Versichertenrenten der Frauen betrug 1995 durchschnittlich 17,8 Jahre und liegt um 3,7 Jahre höher als die der Männer. Die tatsächlichen materiellen Lebensumstände im Alter sind in den Ländern der EU sehr unterschiedlich. Das Armutsrisiko älterer Menschen hängt stark von den kulturell bedingten Lebensformen und von den Haushaltsgrößen ab. Es nimmt in Einpersonenhaushalten von Rentnerinnen tendenziell am stärksten zu.

III. Der alte Mensch im Gesundheitswesen

Die in allen modernen Industriegesellschaften beobachtbar höhere Lebenserwartung der Frauen scheint verschiedene, bisher nicht hinreichend erforschte Ursachen zu haben. Es werden sowohl biologische und medizinische als auch sozioökonomische Faktoren ins Gespräch gebracht und zueinander in Beziehung gesetzt, ohne überzeugend nachweisen zu können, welche von ihnen dieses Phänomen hervorbringen. Einige Mediziner weisen die gelegentlich vertretene Ansicht zurück, wonach Männer von Natur aus das biologisch schwächere Geschlecht sind. Die historische Demographie zeigt dagegen, daß Männer über einen langen geschichtlichen Zeitraum hinweg eine geringere Mortalitätsrate aufwiesen als Frauen, weil letztere durch die hohe Müttersterblichkeit jener Zeit stark belastet waren. Erst in modernen Industriegesellschaften haben sich die Verhältnisse umgekehrt. Frauen haben von der technisch-industriellen und medizinischen Entwicklung offensichtlich stärker profitiert als Männer.

Verschiedene Untersuchungen haben in den vergangenen 15 Jahren gezeigt, daß ältere Menschen, ungeachtet ihres Geschlechts, den höchsten Anteil an den Arzneimittelausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung verursachen. Die Versicherten mit einem Lebensalter ab 60 Jahren, die lediglich 21,9 % der Gesamtpopulation darstellen, vereinigen 54,3 % des gesamten Fertigarzneimittelumsatzes auf sich, also rund das 2,5fache des Bevölkerungsanteils. Im Durchschnitt wird jeder über 60jährige mit drei Arzneimitteln dauertherapiert.


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Ältere Frauen sind als Konsumentinnen auf dem Arzneimittelmarkt stärker vertreten als gleichaltrige Männer. Es ist ein deutlicher Mehrverbrauch an Arzneimitteln bei weiblichen Patienten festzustellen. Mit zunehmendem Alter nehmen die Arzneimittelverordnungen zu. Über alle höheren Altersgruppen verteilt entfällt auf Frauen ein Mehrverbrauch von 51 %. So erhalten Frauen etwa die doppelte Menge an Psychopharmaka. Bei anderen Indikationsgruppen fällt der Geschlechtsunterschied geringer aus.

IV. Soziale Beziehungen im Alter

Abschließend noch einige Bemerkungen zur Quantität und Qualität sozialer Beziehungen im Alter! Mikrosoziologisch ist die Lebenswelt alter Menschen noch wenig erforscht, obwohl die tatsächlich bestehenden sozialen Wechselbeziehungen zwischen jungen und alten Menschen wie zwischen Gleichaltrigen höherer Altersgruppen für die soziale Diagnose individueller Befindlichkeiten, Bedürfnisse und Interessen von besonderer Bedeutung sind. Das Interesse der Kleingruppenforschung galt bisher überwiegend den Peer-groups im Kindes- und Jugendalter sowie den Interaktionsprozessen erwerbstätiger Menschen. Geschlechtsspezifisches Gruppenverhalten wurde bisher überwiegend in jüngeren Altersgruppen untersucht. Vergleichbare Studien über ältere Menschen sind nicht bekannt.

Die Variablen Alter und Geschlecht spielen in der sozialwissenschaftlichen Analyse des Sozialverhaltens älterer Menschen noch eine geringe Rolle. Die Konzentration der Forschung auf Lebenslagen "älterer Frauen" hat zu einer weitgehenden Vernachlässigung der höheren männlichen Altersgruppen als Forschungsgegenstand geführt. Nicht nur aus theoretischen, sondern auch aus praktischen Gründen scheint es erforderlich zu sein, festzustellen, welche Typen von Gruppenkonfigurationen mit zunehmendem Alter nach Qualität, Quantität, Intensität und Dauer entstehen und ob diese ihrer Tendenz nach eher ein- oder gemischtgeschlechtlich sind. Der mit dem Schlagwort von der "Feminisierung des Alters" bezeichnete Alterungsprozeß moderner Gesellschaften hat seine gesellschaftlich manifeste Kehrseite in der "Entmännlichung des Alters", die mit fortschreitendem Lebensalter immer deutlicher in Erscheinung tritt. Wir wissen heute so gut wie nichts darüber, welche Typen sozialer Beziehungen von älteren Menschen präferiert werden, wie ältere Männer in einer von Frauen dominierten Umwelt leben und welche Strategien zur Bewältigung ihrer Minderheitsrolle angewandt werden.

Vor allem in Altenheimen tritt wegen der geringen Zahl der männlichen Heimbewohner die marginale Rolle des Mannes deutlich in Erscheinung. In alltäglichen Situationen begegnet er fast nur Frauen in ihrer Rolle als Heimmitbewohnerinnen, Pflegerinnen, Sozialarbeiterinnen oder Therapeutinnen. Er hat kaum eine andere Wahl als sich entweder zurückzuziehen oder sich den Aktivitäten und Interaktionsmustern der Frauen anzupassen. Die feste Einbindung des älteren Mannes in einer nahezu ausschließlich von Frauen bestimmten Lebenswelt bedeutet für ihn faktisch die Neutralisierung nicht


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nur seiner Geschlechts-, sondern auch seiner sozialen Rolle. Man wird vielleicht fragen müssen, ob die soziale Geschlechterbeziehung, die im Lebensverlauf von früher Kindheit an einem fortwährenden Wandel von Distanz, Gleichgültigkeit und Annäherung unterliegt, auch im Alter fortbesteht, so daß es angezeigt sein könnte, Gelegenheiten für temporäre Segregationen der Geschlechter - vor allem in Altenheimen und offenen Einrichtungen der Altenhilfe - zu schaffen.

Zu fragen ist auch, ob Männer und Frauen Einsamkeit auf dieselbe Weise erleben und ob sie dasselbe bedeutet wie Einsamkeit im Kindes-, Jugend- oder Erwerbstätigenalter. Die Hochbetagten sind die "vorläufig Übriggebliebenen", nachdem viele ihrer Angehörigen, Nachbarn, Freunde und Bekannte gestorben sind. Das Alter ist die Zeit des Abschiednehmens, nicht nur von Menschen, sondern von allem, was dem bisherigen Leben Sinn und Gewicht verliehen hat. Die Abschiede von Nahestehenden nehmen in diesem Lebensalter zu, das Bewußtsein eigener Todesnähe wächst. Die stumme Aufforderung, sich mit seinem eigenen Tod auseinanderzusetzen und sich mit ihm abzufinden, wird immer drängender. Die Versuche, neue soziale Bindungen einzugehen, werden fragwürdiger, und die Erfahrung, daß sich die Intensität der Trauer Jüngerer über den Tod Älterer in engen Grenzen hält, raubt dem Überlebenden jede Illussion seiner sozialen Unentbehrlichkeit. Alterseinsamkeit ist das Ergebnis unaufhaltsamer sozialer Desintegrationsprozesse, deren Wirkungen durch gruppenpädagogische und geragogische Hilfen vielleicht abgemildert, aber nicht beseitigt werden können. Einsamkeit und Alter bedingen einander: je höher das Alter, desto größer die soziale und mentale Entfremdung von der einst vertrauten Lebenswelt und desto dringlicher ein aktives Einsamkeitsbewältigungspotential, das freilich nicht erst im Alter erworben werden kann.

Ausgewählte Literatur:

Bettina Sommer, Entwicklung der Bevölkerung bis 2040. Ergebnis der achten koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung, Wirtschaft und Statistik 7/1994, S. 497-503.

Hans Thomas (Hg), Bevölkerung-Entwicklung-Umwelt. Lindenthal-Institut Köln 1995, Herford 1995.

E. Lang, K. Arnold und P. Kupfer, Frauen werden älter - Biologische, medizinische und soziologische Ursachen, Zeitschrift für Gerontologie 27: 10-15 (1994).

Schwabe/ Paffrath, Arzneiverordnungsreport '95, Stuttgart/ Jena 1995.

Annemette Sorensen, Zur geschlechtsspezifischen Struktur von Armut. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 32/ 1992: Armut im modernen Wohlfahrtsstaat. Hrsg. von Stephan Leibfried und Wolfgang Voges, S. 345-366.

Annemette Sorensen, Unterschiede im Lebenslauf von Frauen und Männern. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 31/1990: Lebensverläufe und sozialer Wandel. Hrsg. von Karl Ulrich Mayer, S. 304-321.

Ursula Lehr/ Hans Thomae (Hrsg.), Formen seelischen Alterns. Ergebnisse der Bonner Gerontologischen Längsschnittstudie (BOLSA), Stuttgart 1987.

H.-W. Prahl, K. R. Schroeter, Soziologie des Alterns, Paderborn 1996 (UTB 1924).